Sieben Leben? Der Che.

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Jener edle Apachen-Häuptling Winnetou, den man heute in der Lesart Karl Mays nicht mehr hinnehmen möchte, war für mich in den Jahren der Pubertät ein imaginierter Vorläufer von Che Guevara gewesen. So jedenfalls deutete ich es späterhin. Beide rotwangig und mit klar entschlossenem Blick, die Rifle im Arm. Beide erfüllt von starken Ansprüchen in Bezug auf Gerechtigkeit. Beide kämpfend gegen Unterdrückung. Das schuf Identität, welche über bloße Heldenverehrung damals hinausging. Nicht nur bei mir. Maßgeblich war der ethische Ansatz, der konkret gelebt wurde: Befreiung, Gerechtigkeit, Blutsbrüderschaft, Eintreten für die „Unterdrückten und Beleidigten“ (E. Bloch). Ich wuchs in jener Zeit allmählich zum Manne auf, als in der späteren Nachkriegszeit, genau: am 1. Januar 1959, der Che zusammen mit Camilo Cienfuegos und Fidel Castro siegreich in Havanna einkam, massenhaft umjubelt von den Kubanern/innen in den Städten und auf dem Land. Zugleich hatte sich der Blutdiktator Batista mit seinem Gefolge und monetärem Diebesgut aus der Staatskasse sowie musealen Schätzen seines Landes davongemacht. Der Marsch nach La Habana und der Sieg über die Diktatur waren für uns damals gelebte Revolutionsromantik pur. Auch mit der einschlägigen Musik, die damals berühmt wurde: Comandante Che Guevara, Guantanamera, Cuba qué linda es Cuba.

Hinzu kamen natürlich die lässig anmutenden Accessoires dieser tropischen Revolution: Die lange Zigarre im Mund des Che, der Che beim Schachspielen, die olivgrünen Guerillatarnanzüge, die Baskenmützen mit dem roten Stern, die ganze Jugendlichkeit und Informalität, die diese Bewegung anfangs in sich trug. Der Versuch eines Aufbaus eines unbürokratischen Sozialismus mit menschlichem Antlitz, so jedenfalls unsere Hoffnung damals.

Frederik Hetmanns Buch „Ich habe sieben Leben – Die Geschichte des Ernesto Guevara genannt Che“ ist eigentlich ein Jugendbuch, das wir als Adoleszente gerne lasen und das unseren Geschmack sehr gut traf. Der argentinische Weltrevolutionär verkörperte eine konkrete Utopie. Und wir lernten viel darüber, dass eine ethisch positiv aufgestellte Guerilla auch einen übermächtigen Gegner militärisch besiegen kann, wenn sie Rückhalt in der Bevölkerung hat.

Warum hatte Che Guevara sieben Leben? Ich weiß es nicht (mehr). Ein Hinweis auf seine asthmatisch geprägte Zähigkeit? Der Che wurde 1967 in La Higuera im südlichen Bolivien im Alter von 39 Jahren vom Militär gefangen genommen und  alsbald von einem wohl betrunkenen und verunsicherten Soldaten in höhrem Auftrag erschossen. Dem Schützen, der auf ihn zielte, soll er laut übereinstimmenden Zeugenaussagen zugerufen haben: „Póngase sereno y apunte bien: va usted matar a un hombre.“

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