Galeanos offene Adern Lateinamerikas

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Manchmal steht ein Buch für das historisches Schicksal eines ganzen Kontinents. Ich hatte nach dem Studium in den 70ern begonnen, Spanisch zu lernen und reiste später sehr oft nach Lateinamerika. In Chile war der demokratisch gewählte Präsident Allende, ein Sozialist, von den Schergen Pinochets aus der Moncada, auch heute noch Regierungssitz Chiles in Santiago, geputscht worden und hat sich angeblich dabei selbst erschossen. Die Moncada brannte im September 1973. In diesem geografisch enorm langgezogenen Land herrschte dann für viele Jahre eine brutale Militärdiktatur. Und so war es nahezu parallel auch in Argentinien und dem kleinen Nachbarland Uruguay. Schreckliche Nachrichten über die Behandlung Oppositioneller schwappten über den Ozean nach Europa. In Heidelberg kamen Exilierte oder Geflohene an, die ich teilweise auch kennenlernte. Bitterkeit des Exils, aus dem man das Beste zu machen versuchte. Es kamen gesellschaftskritische Musiker und veranstalteten Tourneen durch Europa, die sog. Cantautores wie z.B. Isabel Parra, Inti Illimani, Quilapayún, Daniel Viglietti, Mercedes Sosa, Leon Gieco. Alle aus Chile oder Argentinien oder Uruguay. Chiles Volkssänger Victor Jara, dessen Lieder wir damals sangen, hatte man im Stadion von Santiago umgebracht.

Ich las in jenen Jahren gleich mehrmals ein Schlüsselwerk zur lateinamerikanischen Geschichte, nämlich „Die offenen Adern Lateinamerikas“ des Uruguayers Eduardo Galeano. Dieses Buch wird noch heute viel gelesen. Es hatte und hat eine Art Kultstatus in den Reihen „aufgeklärter Intellektueller“, die sich mit Lateinamerika befass(t)en. Galeanos Werk ist eine einzigartige und anrührende Anklage gegen den spanischen Kolonialismus seit Kolumbus und Pizarro und gegen die neuen Diktaturen aller Art vom südlichen Zipfel des Kontinents (Feuerland, Patagonien) bis nach Zentralamerika. Mit den „offenen Adern“ spielt der Autor auf den seit dem fünfzehnten Jahrhundert ausgebeuteten Rohstoffreichtum Perus, Boliviens, Chiles und weiterer Länder an, vor allem das heiß begehrte Silber und Gold, später das Zinn, u.a.. Galeanos Buch ist auch heute noch ausgesprochen lesenswert. Ich kann es nur empfehlen. Der Autor verstarb im April 2015 in Montevideo.

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