We are the world, we are the digital champions?
Wir sollten begreifen, dass wir seit einigen Dekaden in zwei Zeitläuften leben. Im analogen, will sagen: realen menschlichen Leben (Tiere und Pflanzen inklusive) bewegen wir uns nach Antike, Mittelalter und Neuzeit in der Postmoderne. Im Digitalen, vereint mit KI, bewegen wir uns in einer Art erster Achsenzeit – in der Bedeutung ähnlich der primären Achsenzeit der analogen Welt, die gemäß dem Heidelberger Philosophen Karl Jaspers ca. von 800 bis 200 vor Christus währte. Neuronal fügt sich dies, die beiden Welten, in den Gehirnen der meisten Individuen zusammen, Schnittstellen und Konnektivität eben. Wobei die sog. isolierten Ethnien, ca. 200 weltweit, die Ausnahme bilden. Sie haben bzw. nutzen keine digitalen Geräte, kein KI. Noch nicht! Wildtiere und Haustiere statten wir zu-nehmend mit Chips aus, um sie zu kontrollieren und auszuforschen.
Die Gehirne der Kontaktwelt sind aber nun gehalten und zwar ähnlich der bis-herigen fragmentierten Gehirnstruktur (Gefühl, Verstand, die diversen Areale), zwischen beiden Welten zu differenzieren, digital, nicht-digital. Sonst droht völliges Chaos. Schlau und Lebensgewinner sind vor allem diejenigen, die die enorme Kraft und den Mut haben, aus dem Digitalen wieder ganz oder weit-gehend auszusteigen oder auch sich in unserer selbstverständlichen Welt der stark manipulativen Angebotswirtschaft und bürokratischen Anordnungen gar nicht erst dort hineintreiben zu lassen. Die ganz große Mehrheit der Menschen wird dennoch erst einmal „drin“ sein, sie wird sozusagen mit zwei Kalendern und in zwei Welten weiterleben. Ausstiege und Abstinenzen dieser Art macht man uns gerade sehr schwer. Man inszeniert und betreibt Persuasion, Nudging und Aufoktroyierung. Alle sollen „drin“ sein und möglichst dauerhaft.
Dies wird sich je nach Lage alsbald massiv zuspitzen oder möglicherweise anders und besser werden, wenn die Epoche der Energie-Knappheit in ihre eigentlich markante Phase eintreten wird, nämlich (auch) das Digitale “fressend”, für das wir jetzt noch alle Kraft aufwenden. Dann wird es entscheidend darauf ankommen, ob die Energiefrage innovativ gelöst werden kann oder nicht. Auf Erden selbst oder mit Hilfe von Ressourcen aus dem Weltraum. bzw. von anderen Planeten.
ENTWEDER wird uns das Digitale völlig beherrschen, wir treten in diesem Fall also in die erweiterte Achsenzeit jenseits des analogen Lebens ein. Ich nenne sie das Digitalium, in dem KI die erste Geige spielen wird. Das Analoge wird eher unerheblich werden, es wird am Rande irgendwie mitlaufen. Als pralles reales Leben von dereinst wird es mit seinen Vorzügen und Nachteilen vor allem Erinnerung bleiben, bis es allmählich in große Vergessenheit geraten wird. Eine völlig neue, aber absehbare „Schöne Neue Welt“ wird uns beschert werden! Wir werden sie sein, diese Welt, und uns zugleich als ihr Schöpfer aufführen, technologisch inspirierter, eugenischer Pronatalismus inbegriffen: die Kreierung des neuen Menschen als weitgehend künstliches Gebilde. We are the world, we are the digital champions?
ODER: die Energiefrage wird nicht gelöst, die Knappheit frisst die Nutzung von Bits und Bytes, sie frisst die Algorithmen und stutzt die KI. Dann wird eine wahrhaft historische Umkehr der Menschheit nach Art einer Rückkehr zu den authentischen Wurzeln möglich, ja zwangsläufig sein, nämlich die erneute Wertschätzung des analogen Lebens nach einer vielleicht hundertjährigen Phase der Entfremdung durch enorme und abnorme Informationsströme, durch Übertragungsgeschwindigkeiten und Speichergrößen im Doppelleben. Ein neuartiger Rousseau ließe grüßen. Die Welt wäre immerhin vom digitalen Exzess befreit. Dies würde sodann das Zeitalter des Paradisium sein, so möchte ich es in gedeihlicher Anspielung nennen. Das Digitalium wäre unter solchen Umständen Geschichte, ähnlich der Epoche der Antike oder der des Mittelalters im realen Leben. Die Nutzung des Digitalen liefe fortan eher am Rande mit, massiv reduziert in ihrer Bedeutung., die ihr gegenwärtig zugedacht wird. Wir würden uns auch in diesem Modus so oder so erinnern und erstaunt oder auch im Zorn zurückblicken!
Der Sündenfall, die „Sünde“ dürfte alsdann aufs Neue beginnen. Irgendeine Hauptsünde wird sich so sicher wie das Amen in der Kirche wieder szenisch einspielen. Kriege sowieso: real, hybrid, digital, wieder real. Mit Speeren der-einst, mit Kugeln – mit Desinformation und Spionagedrohnen, Lasern – mit Rake-ten, Kamikaze-Flügen, mit ABC und wohl auch bisher ungekannter kreativer Qual. Das stellt sich nicht einfach ab. So ist die zwanghafte Entwicklung seit Thomas Hobbes der Menschheit zuerkannt.
Der Prozess unserer neuronalen Entwicklung und Umformung, ja Formatierung seit unseren Schimpansen und Bonobos wird hingegen das eigentlich schön Spannende bleiben. Denn die virulenten, frühzeitlichen Fragen abseits des Stumpfsinns werden aufregend, irritierend und weiterhin aktuell sein: Was können wir alles wissen, „blind“ erahnen und fühlen?! Was wollen wir? Was macht uns aus? Und: Ist da Sinn? Oder ist Sinn auch nur so ein Wort? Kommen wir über das Glück des Sisyphos hinaus oder unterbieten wir es immer weiter?

